Der Reisebusfahrer

 

Der Reisebusfahrer – König der Hotelvorfahrt

 

Vom Animateur bis zum Kapitän, vom Zimmermädchen bis zum Reiseleiter: Für unser Urlaubsglück arbeitet ein ganzes Heer von dienstbaren Geistern – unter anderem der Reisebusfahrer.
Er ist der unumschränkte König der Hotelvorfahrt. Wo er aufkreuzt, passt kein anderer mehr durch. Was er blockiert, ist lahmgelegt. Und keiner ist so geschickt wie er, wenn es darum geht, den falsch geplanten Schrumpf-Kreisverkehr vorm Hotelportal so zu umzirkeln, dass dabei möglichst wenig Fassade abgetragen wird: Der Reisebusfahrer ist sich seiner Bedeutung bewusst – und schafft es inzwischen, selbst aus gleicher Höhe auf andere Verkehrsteilnehmer herabzuschauen.
Vorbei sind die Zeiten, wo er im altersschwachen Rumpelbus einmal am Tag durch die Schlaglöcher einer unbedeutenden Landstraße jagen musste, die Federung von Chassis und Fahrersitz testen konnte und sich dabei gelegentlich mit den eigenen Knien Kinnhaken verpasste. Damals haben die anderen ihn belächelt, sogar bemitleidet: die Lastwagenfahrer, die Leute in den Autos sowieso, sogar die Bauern auf dem Bock ihrer Traktoren.

Selbst dicke goldene Herrenarmbänder oder schnell noch zwei Knöpfe weiter geöffnete Hemden halfen nicht, sein Ansehen in Berufskraftfahrerkreisen zu heben. Nicht einmal die eigenen Passagierinnen, auf die er stets via Rückspiegel mindestens ein besonderes Auge warf, flirteten mit ihm, sondern gaben sich stattdessen lieber mit dem geschwätzigen Reiseleiter ab.

Neue Busse, neues Image

Jetzt ist das alles anders. Plötzlich ist er wer. Plötzlich bewundern sie alle sein Können. Plötzlich kann er die doofen goldenen Armbänder einmotten. Weil ihm der Reiseveranstalter eine Image-Aufbesserung versprochen und saftig investiert hat: Heutzutage wollen die Ferienkonzerne Flagge zeigen, im Zielgebiet von Anfang an sichtbar die Größten, Schönsten, Hellblausten, Gelbsten, Orangesten sein. Dafür haben sie lauter hochglanzpolierte neue Ausflugs- und Transferbusse für ihre beliebtesten Pauschalferienregionen angeschafft. Jetzt lenkt der einstige Paria der Landstraße so ein Geschütz: höher als all die alten Busse, ein bisschen breiter, viel verglaster auch, beweglicher sogar. Und mit Automatikhupe im Rückwärtsgang, mit sattem Horn beim Vorwärtsfahren. Mit bestens gefedertem Fahrersitz obendrein.

Wer hier herrscht, der macht was her. Und plötzlich grüßen die Fremden beim Einsteigen Richtung Bus-Cockpit, verabschieden sich beim Aussteigen, lassen oft sogar ein Trinkgeld da. Und manche von den netten Urlauberinnen blinzelt ihm sogar so frech zu, dass er verschämt das frisch gebügelte Hemd einen Knopf weiter schließt: weil es sich für den neuen König von (Ferien-)Landstraße und Hotelvorfahrt so gehört.

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